Tai Chi und Lebensfreude

Die Bekanntheit von Tai Chi in China kommt ursprünglich von seiner legendären Überlegenheit als Kampfkunst. Dabei ist das gar nicht der wesentliche Aspekt dieser energetischen Bewegungslehre! "Tai Chi ist nicht zum Kämpfen da. Aber natürlich kann man damit auch kämpfen." hat Meister Chu kürzlich mit einem verschmitzten Lächeln gesagt.

Tai Chi bewahrt die Tradition taoistisch-alchimistischer Meditation. Diese sehr energetischen Meditationstechniken wurde im Sitzen geübt, als Weg, "das Tao zu verwirklichen". Chang San Feng, der legendäre Gründer des Tai Chi Chuan (taijiquan) hat uns eine Möglichkeit gegeben, diese innere Arbeit auch in Aktivität weiterzuführen, wenn wir die Tai Chi Form als Meditative Übung praktizieren oder auch im Alltagsleben.

Im Taoismus geht es um das Leben im Augenblick, nicht um die Erreichung irgendeines zukünftigen oder abstrakten transzendentalen Ziels. Es geht darum, das Leben mit Bewußtheit und Freude zu leben, im Hier und Jetzt, "der Natur zu folgen", also im Einklang mit der Welt um einen herum zu sein, und negative Muster abzulegen.

Das heisst erst einmal: einfach mit Freude praktizieren, entspannen, Stress hinter sich lassen! Man muss nichts Besonders "wollen" oder "tun", die Bewegungen entfalten von selbst ihre innere Wirkung!

Das Besondere

Cheng Man Ching schrieb in einem seiner Bücher "Es gibt keine Geheimnisse". Dem können wir nach einigen Jahrzehnten Erfahrung im Authentischen Yang-Stil nur widersprechen. Das Geheimnis liegt nicht nur im fleißigen Üben. Wer die wertvolle mündliche Überlieferung nicht erhalten hat, wird auch nach 50 Jahren Üben nicht das "Chi" verwirklichen und die positiven Effekte des Tai Chi Chuan an sich erleben können.

Das Wesen des Authentischen Yang-Stils sind diese "Geheimnisse", tiefe Einsichten in die die Prinzipien von Atmung, Bewegung und inneren Energieflüssen, sowie eine ausgeklügelte Didaktik, die bis heute ausschließlich mündlich tradiert wurden und in keinem Buch nachzulesen sind.

Als Schule der International Tai Chi Chuan Association (ITCCA) haben wir das erklärte Ziel, die immer noch kaum bekannte innere Tradition der Yang-Familie an Interessierte weiterzugeben. Diese Tradition umfasst die folgenden Elemente und Übungsmethoden:

Chi Kung (Qigong)

24 taoistische Gesundheitsübungen sowie 24 Meridian-Selbstmassage-Techniken. Diese wertvollen Techniken stellen für sich schon ein geschlossenes, vollwertiges Übungssystem dar, das den Körper trainiert und alle Meridiane im Körper gleichmäßig aktiviert. Im Unterricht werden sie zum "Aufwärmen" vor dem eigentlichen Tai Chi Training verwendet.

Meditatives Stehen

Das Meditative Stehen des Authentischen Yang-Stils war früher ein Familiengeheimnis und wurde nicht einmal der Kaiserfamilie (deren persönliche Trainer die Meister der Yang-Familie waren) vermittelt!

Es vermittelt die offene, aufrechte Körperhaltung, die sich dann in Bewegung in der Tai Chi Chuan Form manifestiert. 

Diese Haltung gewährleistet, dass die Lebensenergie Chi frei fliessen kann, mit vielen Positiven Auswirkungen auf die Atmung (frei!), die Psyche (Ruhe, Selbstvertrauen, den Hormonhaushalt (Stressreduktion) und den Bewegungsapparat. 

Regelmäßiges Stehen hebt das allgemeine Energie-Niveau!

Tai Chi Soloform

Die Tai Chi Soloform bildet das Rückgrat aller weiterführenden Unterrichtsstufen. Es ist eine Abfolge von 108 Bewegungen, die in 3 Teilen unterrichtet werden. Sie wird langsam und fließend ausgeführt.

Die Prinzipien des Meditativen Stehens werden in die Bewegung übernommen. Die Tai Chi Form bringt einem darüber hinaus bei, sich so zu bewegen, dass man immer im Energiefluss bleibt. Haben Körper und Geist das Prinzip erst einmal verstanden, kann man das auch im Alltag umsetzen, mit Bewegungen, die nicht aus dem Tai Chi Chuan kommen müssen!

Prinzipien

Tai Chi basiert auf den Prinzipien des Taoismus und ist sozusagen deren konkreter Ausdruck. Die Bewegungen und Positionen sind nicht beliebig, sondern werden durch diese Prinzipien so ausgeformt, wie wir sie ausführen. Yin und Yang, Himmel und Erde, Quadrat und Kreis, Yi und Chi, bleiben also keine abstrakten Begriffe, sondern sind für die Praxis essentielle und konkret umsetzbare Konzepte.

Der Kranich und die Schlange

Besonders die Prinzipien, die durch die Tiere Kranich und Schlange symbolisiert werden, nehmen von Anfang an einen wichtigen Stellenwert im Unterricht ein. Hier geht es nicht um oberflächliches Kopieren der Bewegungen wie bei Tier-Stilen des äußerlichen Kung-Fu, sondern um tiefe Einsichten in die universellen Prinzipien, die sie verkörpern.

Die Legende des Kampfes dieser beiden Tiere, die der legendäre Gründer des Tai Chi Chuan beobachtet haben soll, wird zwar immer wieder zitiert, der tiefe Sinn des Gleichnisses ist aber allenthalben verloren gegangen. In unserer mündlichen Tradition ist dieses Wissen noch lebendig!

Vertiefungsstufen

Der Authentische Yang-Stil kennt viele sogenannte "Vertiefungsstufen", diese gehören zu den oben erwähnten "Geheimnissen", die nur innerhalb der Familie weitergegeben wurden. Hier geht es um die korrekte Atmung in Kombination mit den Bewegungen, die Arm- sowie die Beinspiralen, die Yin-Yang Verhältnisse im Körper in jeder Haltung, die richtige Arbeit mit der "Intention", dem "Yi", und noch einiges mehr.

So kann man sich Schritt für Schritt einem immer besseren Verständnis für die energetisch wirksame Bewegung annähern.

Einige der wichtigsten Vertiefungsstufen sind:

Waffenformen

Die Waffen im Authentischen Yang-Stil sind das Schwert, der Säbel und der Langstock. Die Waffen intensivieren den Energiefluss, vermitteln einem ein besseres Verständnis mancher Vertiefungsstufen und man lernt, die Waffe in das körpereigene Energiesystem zu integrieren.

Partnerübungen

Es gibt verschiedene Partnerübungen im Authentischen Yang-Stil: mehrere Formen von Pushing-Hands (Schiebende Hände, tui shou) und Ta Lu ("Großes Ziehen"), sowie die Fighting-Formen mit und ohne Waffen.

Die Partnerübungen verfestigen die energetischen Haltungen und schaffen ein besonderes Gespür für die Bewegung und die Energie des Partners. Sie sind auch als Vorbereitung für die Selbstverteidigung zu verstehen.

Die Partnerübungen selbst stellen keinen Wettkampf dar, sondern sollen ein kooperatives, harmonisches Üben von speziellen Fertigkeiten ermöglichen.

Selbstverteidigung

Die Selbstverteidigung stellt das ultimative Ziel im Tai Chi Chuan dar, aber wie es so schön heißt: "Der Weg ist das Ziel". Ist man einmal so weit gekommen, dass man Tai Chi zur Selbstverteidigung anwenden kann, erscheint einem dieser Aspekt wahrscheinlich nicht mehr wesentlich.

Um sich besser verteidigen zu können, erlangt man durch das meditative Üben der Form und die Partnerübungen die Fähigkeit, ruhig und aus seinem Zentrum heraus zu agieren auch wenn man angegriffen wird.

Das Bewusstsein, sich physisch verteidigen zu können, verhilft einem auch zu größerer Gelassenheit und damit Handlungsfähigkeit in Situationen, in denen man mit nicht-körperlicher Aggression konfrontiert ist.

Taoistische Meditation

Tai Chi in allen seinen Formen ist eine Form der Meditation in Bewegung. Demgegenüber sind das Meditative Stehen und die taoistische Sitzmeditation statische Formen der Meditation, so dass sich die drei Praktiken ergänzen.

Die taoistische Sitzmeditation ist ein sehr altes System, aus dem das Tai Chi Chuan hervorgegangen ist, indem die Prinzipien dieser energetischen Meditationsmethode auf Selbstverteidigungsbewegungen angewendet wurden, oder wie es ein chinesisches Sprichwort ausdrückt:

"Chang San Feng (der legendäre Gründer des Tai Chi Chuan) hat die Sitzmeditation auf die Beine gestellt."